Häufig ist beim Fotografieren eine maximale Blendenöffnung erforderlich, um eine akzeptable Schärfe zu erreichen. Manchmal ergibt eine große Blendenöffnung aber auch wunderschöne Bilder.

TEXT: BEN BOSWELL BILDER : VERSCHIEDENE

 

Viele Fotografen sind der Ansicht, dass die Gesamtschärfe eines Bildes das Markenzeichen „guten“ Fotografierens schlechthin ist. Die Kehrseite dieser Meinung trifft jedoch möglicherweise eher zu: Minimale Schärfe und maximale Blendenöffnung könnten die besten Voraussetzungen für ausdrucksstarke Bilder sein. Es erfordert wirkliches Talent, den Fokuspunkt scharf zu bekommen, das Model von der Weichheit des Hintergrundes – oder des Vordergrundes – einrahmen zu lassen und hervorzuheben und dem Bild die nötige Tiefe zu verleihen. Die wichtigste Überlegung, die Sie anstellen sollten, wenn Sie Schärfe auf diese Weise einsetzen, betrifft Ihre Intention. Es hat keinen Sinn, ein Motiv mit Hilfe des Fokus isolieren zu wollen, wenn der Hintergrund nicht unscharf genug ist, oder selbst wenn er unscharf ist, ablenkt.

Was Sie brauchen, ist ein Gegenstück für das Hauptmotiv des Fotos:
einen strukturellen Kontrast, wodurch es sich abhebt. Wie weich der unscharfe Hintergrund ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die nicht alle in jeder Situation kontrollierbar sind. Die Blendenöffnung, der relative Abstand zwischen Kamera, Vordergrund, Motivebene und Hintergrund und die Objektivvergrößerung – all das hat einen entsprechenden Effekt. Die Veränderung der Blendenöffnung ist die einfachste und naheliegendste Möglichkeit, die Schärfentiefe zu ändern, wobei Sie die Änderung sofort ansehen können. Auch wenn Ihre Kamera keine Schärfentiefevorschau hat, machen Sie einfach eine Aufnahme, und sehen Sie sich an. Natürlich stellt das Sucherbild ohnehin das Objektiv mit der größten Blendenöffnung dar.
Je größer die Blendenöffnung ist, umso geringer ist die Schärfentiefe und umso verwirrender sind Vordergrund und Hintergrund. Wenn Sie unter hellen Bedingungen arbeiten, werden Sie möglicherweise auf Schwierigkeiten stoßen, es sei denn, Sie haben ausreichend kurze Verschlusszeiten, um die erforderlichen großen Blendenöffnungen verwenden zu können. Wenn Sie keinen langsameren ISOWert benutzen können, verwenden Sie einen Polarisationsfi lter für einen Lichtverlust von zwei Blendenstufen oder einen Neutraldichte-(ND-)Filter. Produkte in verschiedenen Stärken gibt es beispielsweise von Cokin, Hoya oder Lee Filters. Sie könnten auch einen Fader-NDFilter von LightCraftWorkshop kaufen, der eine Lichtabsorption von zwei bis acht Blendenstufen mit einem neutralen Effekt ermöglicht.


VISUALISIEREN BEI VOLLER BLENDENÖFFNUNG

Nachdem wir Sie jetzt dazu gebracht haben, darüber nachzudenken, die größte Blendenöffnung zu verwenden, soll nicht unerwähnt bleiben, dass dies nicht unbedingt die beste Wahl ist. Je nach Hintergrund und Wiedergabe des Objektivs muss eine subjektive Entscheidung getroffen werden. Die Beschaffenheit oder der Charakter der unscharfen Bereiche in einem Foto variiert stark, wobei verschiedene Objektivarten unterschiedliche Ergebnisse liefern. Diese Unschärfe wird als „Bokeh“ bezeichnet. Dieser Begriff ist vom japanischen Wort „boke“ abgeleitet, das „Unschärfe“ oder „Trübung“ bedeutet. In der Fotografi e bezieht sich Bokeh auf die Beschaffenheit der Zerstreuungskreise, die von jedem Punkt im Motiv erzeugt werden, auf den entweder vor oder hinter der Brennebene der Kamera scharfgestellt wird sowie auf den Effekt, der entsteht, wenn diese Zerstreuungskreise zusammenlaufen.
Bokeh gehört zu den Dingen, die von Fotografen diskutiert, jedoch nicht immer ganz verstanden werden. Es geht hierbei nicht einfach um das Vorhandensein von unscharfen Bereich, sondern vielmehr um die Beschaffenheit dieser Bereiche.
Bokeh kann gut, neutral oder schlecht sein. Ein optisch perfektes Objektiv erzeugt eine kreisförmige Unschärfe (oder Zerstreuungskreise), die über ihre Breite hinweg gleichmäßig dicht ist. Dies würde als neutrales Bokeh betrachtet werden. Unter optischen Gesichtspunkten wird es im Allgemeinen bevorzugt, wenn die Lichtdichte im Hintergrund abfällt, sodass die Unschärfe in der Mitte ein wenig heller ist als am Rand: Das ist gutes Bokeh. Bei den meisten hochwertigen Objektiven liegt das Bokeh im neutralen Bereich, oder sie haben ein Bokeh, das geringfügig die Qualität der Unschärfe im Hintergrund bevorzugt.
Die Verwendung von Bokeh (manchmal auch „boke“) in diesem Zusammenhang stammt aus Japan, wo der Art und Weise, wie Objektive unscharfe Teile des Fotos wiedergeben, eine größere Bedeutung beigemessen wurde. Es sollte nur zur Beschreibung dieser Qualität und in keinem anderen Zusammenhang verwendet werden, obwohl es mittlerweile zu einem allumfassenden Begriff zur Beschreibung unscharfer Bereiche in Bildern geworden ist. Als bestes Bokeh gilt eine sehr weiche Gradation, die auftritt, wenn ein Objektiv eine leichte Unterkorrektur für eine sphärische Aberration hat. Dies ist mit einem Nachteil verbunden, da der Effekt umgekehrt wird bei Licht, das hinter der Brennebene (also im Hintergrund) scharfgestellt wird, wo Glanzlichter als Scheiben erfasst werden, die am Rand heller sind als in der Mitte, häufig mit einem farbigen Ring am äußeren Rand.

Das ist genau das Phänomen, das mit dieser Technik vermieden werden soll: unscharfe Bereiche, die nicht gut aussehen.