Die Schärfentiefe von Tele- und Weitwinkelobjektiv ist bei gleicher Vergrößerung identisch. In der Praxis wird dieses Wissen nicht eingesetzt, weil die meisten Fotografen davon ausgehen, dass Weitwinkelobjektive mehr Schärfentiefe liefern als Teleobjektive.

Die folgenden drei Aufnahmen wurden mit verschiedenen Brennweiten abgelichtet. Für alle wurde eine Blendenöffnung von f/11 verwendet. Um die Statue im Sucher immer gleich groß zu sehen, musste die Kameraposition verändert werden, sodass Blickwinkel und Perspektive abweichen. Die Schärfentiefe ist aber in allen drei Bildern identisch.

Bei identischer Kameraposition würde eine Veränderung der Brennweite bei Weitwinkel-Aufnahmen eine größere Schärfentiefe bedeuten. In diesem Fall wäre der Blickwinkel weiter, die Perspektive aber konstant.

Ich will nicht zu stark ins Detail gehen, möchte aber trotzdem ein Beispiel zum praktischen Einsatz geben. Nehmen Sie einmal eine Kamera mit drehbarem oder Tilt-Shift-Objektiv, die auf einem Stativ auf Augenhöhe befestigt ist. Die Objektivebene ist parallel zu einer Brennebene auf dem Boden vor dem Stativ eingestellt. Wenn das Objektiv auf den Boden eingestellt wird, erscheint der Boden komplett scharf – vom Stativfuß bis zum oberen Bildrand. Die Tiefenschärfe entspricht dann den Ebenen ober- und unterhalb des Bodens. Unterhalb des Stativs ist sie aber relativ flach, am oberen Bildrand sehr tief. Wird gleichzeitig das Konzept der hyperfokalen Entfernung genutzt, ergeben sich dadurch bei relativ großen Blendenöffnungen unendliche Tiefenschärfen.

In manchen Momenten ist die verfügbare Tiefenschärfe zu groß oder zu klein. Hier gibt es Mittel und Wege, den Bereich zu verlängern oder zu verkürzen. Es kommt relativ selten vor, dass die Tiefenschärfe zu groß ist. Allerdings ist es möglich, durch Umkehrung der Scheimpflugschen Regel den scharfen Bereich zu isolieren oder das Bild in der Nachbearbeitung unschärfer zu machen. Dabei geht es im Grunde nur darum, Details zu verwischen, was einfach zu erreichen ist. Ist nicht genug Tiefenschärfe vorhanden, ist es möglich, Dateien mit unterschiedlichen Scharfstellungen aufeinanderzuschichten. Hierfür werden Bilderserien innerhalb bestimmter Schärfebereiche geschossen. Danach werden nur die jeweils scharfen Bildkomponenten verwendet. Es sind verschiedene Programme mit einer derartigen Funktion erhältlich, die tolle Ergebnisse liefern.

Vom gestalterischen Standpunkt ist die Tiefenschärfe einer der spannendsten Parameter, mit denen ein Fotograf spielen kann. Allerdings werden allzu oft die Möglichkeiten stark eingeschränkter Schärfebereiche ignoriert, während große Tiefenschärfen als Idealvorstellung glorifiziert werden. Dies gilt vor allem für die Landschaftsfotografie. Es ist Zeit für einen Perspektivenwechsel: Mit der Tiefenschärfe als Parameter können weit mehr Emotionen transportiert und Nebensächlichkeiten ausgeblendet werden. Das muss nicht immer so sein. Dennoch: Manchmal wird der Unterschied zwischen flachen und plastischen Bildelementen zu schwach herausgearbeitet.